Ein anderes Thema. Tag der Sternenkinder.

Von Kristin|Oktober 15, 2020|Allgemein, Sternenkinder|

Tag der Sternenkinder.

Auf dieser Seite dreht es sich um das Anziehend. Um Mode. Um Nähen. Aber auch sehr viel um mich. Kristin. Die Gründerin und Inhaberin des Anziehend. Und eine verwaiste Mutter.

Da ich mir vorgenommen habe, immer mal wieder über dieses Thema zu informieren, zu sensibilisieren und auch aufzuklären, möchte ich den heutigen Tag nutzen und über dieses Thema schreiben. Das natürlich nur bedingt mit dem Anziehend zu tun hat. Aber sehr viel mit mir.

Wer das nicht lesen kann oder möchte, hat die Freiheit es nicht zu tun. Das kann ich auch teilweise verstehen. Allen anderen wird der Text in jedem Fall etwas bringen. Da bin ich mir sicher. Und wenn es „nur“ Dankbarkeit für die eigenen Kinder ist.

Vor einem Jahr wusste ich nicht, dass es einen Tag gibt, um an Sternenkinder zu gedenken. Ich wusste, dass es Sternenkinder gibt und auch was das ist. „Verwaiste Mutter“ oder „verwaiste Eltern“ hingegen hatte ich noch nie gehört und als das kurz nach dem Tod unseres Sohnes erstmals zu mir gesagt wurde war ich so schockiert das ich dachte „was bitte soll das sein? Und wer denkt sich so beschissene Begriffe aus?“

Sternenkinder sind Kinder, die während der Schwangerschaft, bei oder kurz nach der Geburt sterben.

Verwaiste Eltern sind eben deren Eltern. Denn da man ein Kind geboren hat, in welcher Schwangerschaftswoche auch immer, ist man auch zu Eltern geworden.

Ab dem Moment des positiven Tests freut man sich auf sein Kind. Schmiedet Pläne, malt sich die Zukunft aus. Diskutiert über einen Namen und sagt „Wir werden Eltern“. Stattdessen ist man das bereits. Denn ab dem Moment entscheidet man für dieses winzige Wesen mit. Stellt allerspätestens dann den Konsum von Alkohol, Zigaretten, rohem Fisch, bestimmtem Käse und so weiter ein.

Ist sich der Verantwortung bewusst und handelt entsprechend. Man ist schon Eltern. Auch wenn es keiner sieht und vielleicht auch noch keiner weiß.

In meiner Unwissenheit dachte ich aber, es passiert wahnsinnig selten, dass Kinder sterben. Und wenn, dann meist in den ersten 12. Wochen der Schwangerschaft. Schließlich kann man danach freudig darüber berichten, denn „die gefährlichste Zeit“ ist geschafft. Diese Zeit gilt als Unsicher. Das hier oft was passiert, weiß man. Liest man. Kennt man von Bekannten und Freunden. Sieht man in den Medien.

Heute weiß ich, dass das Unsinn ist. Denn danach nimmt die Sicherheit nur bedingt zu.

Ich weiß, wie viele Kinder auch nach dieser 12. Schwangerschaftswoche sterben. Das in allen Schwangerschaftswochen Kinder sterben. Und es keine Sicherheit gibt, dass man ein Kind zu Hause hat, nur weil man schwanger ist. Und das es für die Eltern unfassbar traurig ist, egal wann dieses Kind stirbt.

Kinder sterben wegen Krankheiten. Wegen unentdeckten Krankheiten. Wegen Gendefekten. Wegen Plazentainsuffizienzen oder -infarkten. Wegen unerkannter Diabetes. Wegen schlecht eingestellter Diabetes. Wegen Ärztefehlern. Wegen einer Schwangerschaftsvergiftung. Wegen Infektionen. Wegen Blutgerinnungsstörungen. Wegen unerkannter Krankheiten. Wegen Nabelschnurumschlingungen. Wegen Unfällen. Wegen einem Herzstillstand. Wegen so viel mehr.

Ich könnte die Aufzählung noch lange weiterführen. Und zu jedem dieser Punkte kenne ich mittlerweile mindestens eine Mutter, einen Vater, die ihr Kind aus einem dieser Gründe beerdigen mussten. In frühen Stadien der Schwangerschaft genauso wie in der Mitte, am Ende oder unter oder nach der Geburt.

So wie bei uns. Wir hätten uns am vergangenen Sonntag eigentlich gefreut, dass unser Sohn seit 10 Monaten bei uns ist. Stattdessen haben wir am Montag betrauert, dass er seit 10 Monaten verstorben ist.

Statt Windeln kaufen wir Grabkerzen. Statt schlafloser Nächte wegen viel Geschrei haben wir schlaflose Nächte wegen der Trauer. Wegen der ganzen Traumata. Wegen dem Umgang mit uns von medizinischer Seite. Wegen der Unklarheiten. Wegen der Fragen. Wegen des Warums. Wegen des Weinens.

Ich werde mein ganzes weiteres Leben lang damit leben müssen, nicht zu wissen wie die Augen meines eigenes Kindes aussahen.

Damit leben, dass fast niemand fragt, wie mein Kind den heißt oder hieß. Niemand wissen möchte, wie mein Kind aussieht. Viele kleine Dinge, die einem genommen wurden. Zusätzlich zu dem eigenen Kind.

Der heutige Tag ist dafür da, das an verstorbene Kinder gedacht wird.

Dafür soll man um 19 Uhr eine Kerze ins Fenster stellen und anzünden und an sie denken. Falls diese kleinen Wesen im Himmel sein sollten, können Sie hinab schauen und sehen, dass sie nicht vergessen sind. Ob man daran nun glaubt oder nicht, ist in meinen Augen egal. Man setzt ein Zeichen, dass auch diese Kinder Teil unserer Welt hier sind. Und von den Betroffenen immer bleiben werden.

Es gibt so wahnsinnig viele dieser verstorbenen Kinder. Wenn man sich mal damit auseinander setzt oder setzen muss, erschlägt einen das. Und es ist in unserer Welt nach wie vor ein Tabuthema. Das Thema Tod generell. Keiner will sich damit beschäftigen, obwohl er zum Leben dazu gehört. Für uns alle. Und der Tod eigentlich das einzige im Leben ist, auf das man sich verlassen kann. Irgendwann kommt er. Der Tod. Trotzdem schieben wir ihn weg, wollen uns damit nicht befassen, keine Gedanken darüber machen.

Wenn man dann aber plötzlich selbst einen nahen Angehörigen verliert, merkt man warum das ein Problem ist. Kaum einer weiß mehr, wie er mit den Betroffenen umgehen soll.

Sinnlose Floskeln (mein persönlicher Lieblingssatz ist „ihr seid ja noch so jung“), Todschweigen (im wahrsten Sinne des Wortes), aus dem Weg gehen, den Kontakt abbrechen oder meiden. Das passiert allen Angehörigen.

Sicher gibt es kein Pauschal-Rezept wie man sich richtig verhält und für jeden Betroffenen kann das auch nochmal anders sein. Aber die oben genannten Punkte helfen sicher den wenigsten bis keinem.

Irgendwann werde ich mal zusammentragen was ich erlebt habe, wie ich wollte oder möchte wie man mit mir umgeht und was ich von all den anderen Müttern gehört habe. So wirklich unterscheidet sich das nämlich erschreckenderweise nicht. Das führt jetzt aber zu weit.

Ich würde mich freuen, wenn viele heute Abend eine Kerze anmachen würden. Sich einen Moment nehmen und an all die verstorbenen Kinder denken. An welche die man aus dem eigenen Bekanntenkreis oder der eigenen Familie kennt. An die von einem unbekannten Menschen.

An unseren Sohn. Der Toni heißt. Und den die meisten von Euch zumindest in meinem Bauch gesehen haben werden und wissen, dass wir ihn erwartet haben. Voller Liebe und Freude.

 

 

 

 

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