Fahion Revolution Week

Von Anziehend|Mai 9, 2019|Thema Mode|

Am 07. April 2012 habe ich mein Anziehend eröffnet. Damals in der Saalbaustraße und voller Euphorie und Glaube daran, dass man die Modewelt ganz langsam auch Stück für Stück ein wenig besser machen kann. Ich verkaufte zu etwa einem Drittel meine eigenen Designs, die ich alleine und nur mit Hilfe einer Jahrespraktikantin selbst herstellte und der Rest unseres Sortiments war zugekaufte Ware größerer und teils bekannter Labels. Ich dachte eine Mischung aus handgemachter und konventioneller Mode ist eine gute Idee und man kann so vielen Käufergruppen gerecht werden. Außerdem habe ich es mir nicht zugetraut, einen ganzen Laden alleine und mit nur sehr wenig Hilfe zu benähen. Ich wusste, irgendwann einmal möchte ich das schaffen, aber ich sah diesen Zeitpunkt noch weit entfernt.

Ein gutes Jahr später, am 24. April 2013, stürzte in Bangladesch das “Rana Plaza” ein, ein mehrstöckiges Gebäude in dem unter anderem sehr viele Textilfabriken untergebracht waren.

1138 Menschen verloren dabei ihr Leben. Weitere 2500 Menschen wurden dabei verletzt.

Wie sich recht schnell herausstellte, wurde das Gebäude aus minderwertigen Materialien gebaut und auch der Bauplatz war nicht für ein mehrstöckiges Gebäude geeignet. Am Tag vor dem Unglück wurden Risse im Gebäude festgestellt und das Gebäude gesperrt.

Doch mehrere der Textilfabrikanten zwangen ihre MitarbeiterInnen, weiter zu arbeiten. Sie bezahlten dies mit ihrem Leben.

Ich denke selbst diese knappe Zusammenfassung der schrecklichen Ereignisse bringt die Menschen bereits zum Nachdenken.

Welches Kleidungsstück der Welt und welcher Termindruck kann ein Menschenleben rechtfertigen? So etwas wie Arbeitsschutzgesetze gibt es in vielen Ländern dieser Welt nicht – schon gar nicht in der Textilbranche. Ob man in einer dunklen Kammer den ganzen Tag gebückt sitzt, Schadstoffen auf Stoffen beim Färben oder Herstellen dieser ausgesetzt ist, auch krank arbeiten muss oder bei Fehlern seine Arbeitszeit gestrichen bekommt und dann für umsonst gearbeitet hat. All dies passiert in der Textilindustrie wohl ohne zu übertreiben jeden Tag.

In einer Zeit in der es normal erscheint ein Shirt für weniger als 10 € zu kaufen und Kleidung zu kaufen die man nie oder nur auf einer einzigen Party trägt, muss einem bewusst sein, dass für unseren Luxus jemand anderes leidet.

Durch die große Medienaufmerksamkeit zu diesem tragischen Ereignis wurden immer mehr Menschen auf die Missstände in der Textilbranche aufmerksam.

Das merkte ich auch in meinem kleinen Lädchen. Denn immer öfter wurde nachgefragt, woher die Bekleidung kommt und immer mehr Menschen konnten sich dafür begeistern, dass wir einiges selbst herstellten und das direkt im Laden und in Darmstadt. Auch ich dachte mehr und mehr darüber nach wie es sich vereinen lässt, auf der einen Seite eigene Mode herzustellen und die Menschen darüber aufzuklären wie viel Arbeit und Zeit darin steckt und auf der anderen Seite, zum Teil auch unter nicht komplett nachvollziehbaren Bedingungen zugekaufte Bekleidung zu vertreiben. In wie weit wird man mit seiner “Missionarsarbeit” ernst genommen, wenn man nicht über jedes Shirt sagen kann, wann und von wem und unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde?!?

Ich entschloss mich nach und nach, so wie es die Gegebenheiten zuließen, immer mehr auf meine eigene Kollektion umzustellen, mit dem Ziel mal den ganzen Laden voller eigener Designs zu haben. Doch es war klar, dass dies nicht alleine geht und ich dafür MitarbeiterInnen benötigen würde.Und so arbeitete ich Schritt für Schritt und teilweise mit ganz kleinen Schritten daran, dass ich irgendwann bei jedem Kleidungsstück in meinem Laden guten Gewissens sagen kann wer es genäht hat, wann und unter welchen Bedingungen.

Parallel zu meinen Überlegungen entwickelte sich erst der Fashion Revolution Day und daraus sogar die Fashion Revolution Week. Jedes Jahr, wenn sich der traurige Tag des Einsturzes des Rana Plaza jährt sollen Bekleidungshersteller auf ihre Verantwortung hingewiesen werden und Konsumenten zu Nachdenken angeregt werden.

So kann man beispielsweiße in den sozialen Medien darauf aufmerksam machen, in dem man sich an der Selfie-Aktion beteiligt, bei der man sein Kleidungsstück linksrum trägt, so dass von außen sichtbar ist, wo es hergestellt wurde und man den Hersteller dann direkt a in den sozialen Medien anfragen kann, wer dieses Stück genäht hat – und unter welchen Bedingungen.

Auch gibt es jedes Jahr eine Reihe von Aktionen, Vorträgen und Diskussionen weltweit und es ist ganz sicher noch sehr viel zu tun. Aber doch denke ich, dass in einigen Teilen der Gesellschaft bereits ein Umdenken stattgefunden hat.

Nachdem ich dann im Mai 2014 mit dem Anziehend an die Stadtkirche umgezogen bin, gelang es mir bereits den Anteil der selbstgemachten Kleidungsstücke auf etwa die Hälfte hochzuschrauben. Und das ganz alleine.

Im Spätsommer 2015 konnte und musste ich dann meine erste Mitarbeiterin auf Minijob-Basis einstellen, denn auf Dauer war dies nicht alleine zu bewerkstelligen. Und wir drehten die Stückzahlen der Eigenkollektion nochmal richtig hoch.

Seitdem hat sich das Team Stück für Stück vergrößert und seit Anfang 2017 ist im Anziehend nur noch unsere eigene, in Darmstadt hergestellte Kollektion “Kristalin” zu kaufen.

Dieser konsequente Schritt hat sich für uns sehr bezahlt gemacht, denn der Kreis unserer Stammkundinnen wird immer größer. Was sicher auch daran liegt, dass immer mehr Menschen über ihren Konsum nachdenken und in ihrer eigenen Welt so viel richtig machen möchten wie es nur geht.

Ich plane und organisiere den gesamten Ablauf der Kollektionserstellung. In meinem Kopf und auf meinem wöchentlichen To-Do-Zettel. Dieser wird zweiseitig genutzt und ist extrem klein beschrieben und immer voll. Doch nur so habe ich immer das Gefühl alles im Griff zu haben.

Ich kann über jedes Kleidungsstück in meinem Geschäft eine Geschichte erzählen. Keine an den Haaren herbei gezogene und blumig ausgeschmückte wie man sie auf so vielen Seiten in all den Onlineshops lesen kann. Sondern die über den gesamten Herstellungsprozess. Von meiner Idee, wie lange ich gebraucht habe diese in einen Schnitt umzusetzen, ob ich erst die Idee für den Schnitt hatte und dann das Material oder andersrum, ob wir das Kleidungsstück häufig immer wieder nähen oder nicht, ob wir Probleme im Herstellungsprozess hatten, wer es genäht hat und wie.

Jeden Tag versuche ich eine gute Chefin zu sein. Alle meine MitarbeiterInnen sind angemeldet und genießen alle gesetzlichen Rechte und noch mehr Privilegien bei mir. Ich versuche jedem mit all seinen Talenten und Fähigkeiten gerecht zu werden. Jeder soll sich einbringen können. Ich versuche immer jeden das machen zu lassen, was er gerne macht, soweit das eben möglich ist.

Wer krank ist bleibt daheim. Wer andere Probleme hat, dem versuche ich beizustehen und Lösungen zu finden. Wir haben Mamas und Azubis im Team, die noch anderen Verantwortungen nachkommen müssen. Wir kriegen es bisher immer hin, dass alle alles schaffen und keiner sich überfordert fühlt.

Deadlines gibt es nur vor dem Fotoshootings. Und die werden in der Regel über Wochen bekannt gegeben. Alles andere wird dann fertig, wenn es fertig ist. Wenn alle krank sind auch mal später. Das ist dann so.

Wir nähen bei Tageslicht und unter besten Lichtverhältnissen, sind keinen giftigen Stoffen ausgesetzt, wir machen Pausen, wir lachen zusammen und wir ärgern uns zusammen. Wenn es warm ist essen wir ein Eis und ansonsten trinken wir dauernd Kaffee. Wir reden ehrlich miteinander, sowohl bei Kritik als auch bei Lob. Ehrlichkeit und Pünktlichkeit sind die einzigen Regeln, die ich von meinen MitarbeiterInnen immer einfordere und die ich ihnen von Beginn an nenne. Ich denke und hoffe es ist sehr nett im Anziehend zu arbeiten.

Der Gedanke der sozialen Verantwortung bei der Kleidungsherstellung hört aber natürlich nicht beim Produzieren auf. Gerade beim Einkauf von Stoffen gibt es hier noch sehr viel zu beachten.Natürlich gibt es einige Siegel und Zertifikationen. Aber zum einen ist Papier geduldig und zum anderen sind viele Zertifizierungen extrem teuer. Das bedeutet gerade für kleine Stoffhersteller, dass es für sie meist unmöglich ist, sich zertifizieren zu lassen.

Wir haben uns über die Jahre ein Netzwerk von verschiedenen Herstellern von Stoffen aufgebaut, denen wir vertrauen. Wir können leider nicht in all die Fabriken fahren und dies kontrollieren. Aber wir arbeiten zum Teil seit vielen Jahren zusammen und ich gehe immer vom guten im Menschen aus und glaube an sein Wort. Ich kann nicht für alle Stoffe, die wir haben die Hand ins Feuer legen. Aber ich versuche so viel nachzuvollziehen wie es nur geht. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass hier vieles noch transparenter wird und wir immer mehr auch hier genau nachvollziehen können. Doch wie so oft hängt dies auch mit den Abnahmemengen zusammen und hier müssen wir uns wieder in kleinen Schritten bewegen, bis wir auch hier ganz sicher alle Produktionsabläufe einsehen können. Wir gehen unsere eigene kleine Fashion Revolution auf jeden Fall motiviert Stück für Stück weiter. Wir möchten euch Kleidungsstücke herstellen mit einer Seele und echte Lieblingsstücke, keine Schrankleichen. Wir möchten das unsere Stücke getragen werden, ansonsten verkaufen wir sie lieber nicht. Wir glauben fest daran, dass jeder, wenn er zumindest ein bisschen für unsere Umwelt tut, unsere Welt ein klein wenig besser machen kann und wir versuchen dies weiterhin für euch Tag für Tag.

Im Zuge der Fashion Revolution Week haben wir das Team nochmal fotografiert und werden Euch jeden Tag nochmal ein paar Einblicke “hinter die Kulissen” zu geben und euch alle Teammitglieder des Anziehend noch ein wenig mehr vorzustellen.

Danke, dass ihr uns bei all unseren kleinen Schritten begleitet und unterstützt.

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