7 Jahre selbstständig sein – was bedeutet das?

Von Jessi|August 30, 2019|Allgemein|

Eine Selbstständigkeit wird sicher und hoffentlich von den meisten vorab sehr lange abgewogen, man unterhält sich mit vielen Menschen, liest viel und beschäftigt sich in der Regel recht lange mit dem Thema, bevor man es dann ggf. umsetzt oder sich dagegen entscheidet. Schließlich ist es eine sehr weitreichende Entscheidung und eine die Wegweisend sein kann in einem Leben. So war das auch bei mir.

Da ich bei meiner Gründung sehr jung war, musste ich mir alles nochmal doppelt so gut überlegen. Jeder Gründer ist, so glaube ich, am Anfang sehr vielen Vorurteilen ausgesetzt. Doch ich hatte den Eindruck, dass man dies als junge Frau noch mehr ist.

Also muss man bei jedem der nötigen Gespräche (Banken, Versicherungen, Ämter, Vermieter…) sehr informiert und sicher auftreten und bei jedem der anderen, oft nicht notwendigen, Gespräche mit neugierigen Bekannten, Nachbarn, Freunden oder Familie zeigen, dass man es ernst meint und sich mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt hat. Trotzdem wird die Idee der Selbstständigkeit sehr gerne und schnell als „Klein-Mädchen-Traum“ abgetan oder einem hinter vorgehaltener Hand keine allzu lange Verweildauer als Selbstständige eingeräumt.

Hier seht ihr einige Bilder aus dem „alten“ Anziehend.

Eine erste Erkenntnis war die, das meistens Leute einem diese „Idee“ ausreden möchten, die einen selbst gar nicht gut kennen, aber voller genereller Skepsis sind. Oder diejenigen, die selbst sehr unzufrieden mit ihrem Leben sind, aber sehr sicher angestellt oder verbeamtet und sich nicht vorstellen können, dass einen ein Leben in „absoluter Unsicherheit“ zufrieden stellen kann.

Mit sehr viel Einsatz, Arbeit und Herzblut habe ich es nun über 7 Jahre (die Eröffnung war am 07.04.2012) geschafft, mich zu halten. Ich denke und weiß, dass mir viele nicht mal sieben Monate zugetraut hatten.

Allen, die mit dem Gedanken spielen, in die Selbstständigkeit zu gehen, möchte ich hier ein paar andere, sehr ehrliche Einsichten in den Alltag in diesem Blogbeitrag gewähren.

Denn trotz aller Gespräche und Fragen, gibt es einiges, was ich so vorher anders erwartet hätte, mir keiner gesagt hatte oder ich selbst nicht so bedacht hatte.

Hier meine 7 Einblicke in Dinge, die mir vor der Selbstständigkeit nicht so ganz bewusst waren:

1.Man hat als Selbstständige NIE genug zu tun.

Es gibt zwei Zustände – man ertrinkt in Arbeit und könnte weinen oder weint, weil man nicht weiß wie man alles schaffen soll. Oder man könnte weinen oder weint, weil man zu wenig zu tun hat und an die nächsten Rechnungen denkt. Ein perfektes Mittelmaß gibt es nicht. Bei mir zumindest bisher nicht. Es ist nie wohl dosiert, sondern kommt immer wie Ebbe und Flut. Nur nicht so planbar. Aber mit der Zeit findet man trotzdem seinen Weg, alles abzuarbeiten und zu wissen, dass es auch wieder weniger wird motiviert einen dann vielleicht umso mehr. Meine Mutter sagt in solchen Situationen, wenn ich kurz vorm Nervenzusammenbruch bin immer „Mach alles nach und nach und in Ruhe“. Und so mache ich das dann auch. Klappt meistens nach der ersten kleinen Panikattake. Genauso andersrum, wenn wenig zu tun ist weiß man auch, dass es bald wieder sintflutartig über einem Einbrechen wird. Diese Zeit versuche ich dann immer bewusst zum Entschleunigen zu nutzen oder kreative Dinge umzusetzen, für die in den anderen Zeiten die Zeit fehlt oder Dinge abzuarbeiten, die schon lange darauf warten, erledigt zu werden. Man findet trotz aller Unplanbarkeit einen Rhythmus und mit der Zeit kann man beiden Phasen etwas positives abgewinnen.

2.Jeder sieht dir beim Arbeiten zu – und gibt Tipps

Wer sich in einem Service Beruf mit direktem Kundenkontakt selbstständig macht, öffnet sein Unternehmen innerhalb der Öffnungszeiten für jedermann.  Grundsätzlich hat somit jeder die Möglichkeit dir dabei zuzusehen, wie du arbeitest, wie du Kunden begrüßt, wie du kassierst, wie du telefonierst oder wie du, in meinem Fall, zuschneidest, nähst und die Kundinnen berätst. Hinzu präsentierst du das Erscheinungsbild des Ladens, deinen persönlichen Arbeitsbereich, dein Outfit, dein Gesicht und alles was den Leuten sonst noch auffällt.

Du stehst dabei immer auf einer Art „Mini-Bühne“ und jeder kann sich darüber ein Bild machen. Kunden, Fremde, Familie und Freunde.
Während ich fast niemandem aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis bisher in seinem persönlichen Arbeitsumfeld erleben durfte, hat bei mir jeder, ob Freund oder Fremd, die Möglichkeit mich auf diese Art und Weise zu erleben. Das ist ein Punkt, der mir am Anfang sicher nicht so klar war.

Es ist nicht schlimm, ich habe nichts zu verstecken und mache meine Arbeit gerne und gewissenhaft. Aber über die Jahre fiel mir auf, dass vor allem fremde Menschen gerne ungefragt Tipps geben. Auch wenn diese sicherlich in den allermeisten Fällen gut gemeint sind, sind sie oftmals nicht gut durchdacht. Besonders daran finde ich, dass die Tippgeber mich fast gar nicht kennen und obendrein über wenig bis keine Erfahrung bezüglich Selbstständigkeit oder auch über keine Erfahrungen in der Bekleidungsbranche verfügen.  

Tipps zu Werbemaßnahmen (die ich alle schon mal getestet hatte oder aktiv nutze), zur Einrichtung des Ladens, zur Dekoration, zum Angebot, was derzeit „in“ sein soll, zur eigenen Person, zu den Öffnungszeiten, zum Schaufenster, zur Lage… Ich glaube es gibt nichts, wozu ich noch keinen Tipp gehört habe. Ein paar gute waren dabei, aber der Rest war leider einfach nur nervig. Sorry, wenn ich das so direkt sagen muss.

Sehr gerne nehme ich von treuen Kunden, mich sehr gut kennenden Familienmitgliedern oder langjährigen Freunden Tipps an. Die kennen aber auch mein Konzept seit Jahren. Und mich als Person. Und all die Ideen dahinter.

Nicht aber von vorbeilaufenden Passanten, die denken sie erfinden das Rad neu, weil sie einem eine Anzeige in der lokalen Tageszeitung ans Herz legen. Ich frage mich immer, wie Menschen ohne eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet auf die Idee kommen, einem ungefragt absolut undurchdachte Ratschläge zu geben. Ich bin sicher, die meisten meinen es gut. Deswegen höre ich es mir freundlich an und bedanke mich. Aber manchmal, wenn ein Berg Arbeit auf einen wartet und man damit seine Zeit verbringt sich Tipps anzuhören, die man schon kennt, kann man es nach dem siebzigsten Mal nicht mehr hören. Denn auch wenn kein anderer Kunde im Laden ist, heißt es nicht, dass man nichts zu tun hat. Das ist auch vielen nicht bewusst. Da wir immer produzieren, haben wir auch immer irgendwas zu tun.

Etwas anderes ist es für mich, wenn einem anderen Selbstständige Ratschläge geben, auch aus einer ganz anderen Branche, solche höre ich mir sehr gerne an und freue mich immer, wenn jemand seine jahrelange Erfahrung weitergibt.

3.Ohne Unterstützung geht es nicht

Diesen Punkt habe ich auf meiner Facebook-Seite, Homepage und Instagram sicher schon hunderte Male angesprochen, aber es ist auch definitiv einer der wichtigsten.

Ohne die Unterstützung meiner Eltern, meines Mannes, meiner Schwester und einigen anderen Familienmitgliedern und meinen engen Freunden hätte ich es niemals geschafft, selbstständig zu sein und zu bleiben.

Es gibt so unvorstellbar viele Aufgaben im Hintergrund und immer wieder, die man nicht alle allein bewältigen kann. Vor allem wenn man sich noch keine Mitarbeiter leisten kann, ist es immens wichtig, dass es Menschen im direkten Umfeld gibt, die einem kleinere und größere Arbeiten abnehmen. Die einen entlasten und die für einen da sind. Es fängt bei der Einrichtung des Ladens an, beim Sauber halten, beim Besorgen von Kleinkram und größeren Anschaffungen, die irgendwie dauernd anfallen, beim Erledigen von Botengängen, Pakete abholen oder wegbringen, bestimmte Stoffe suchen, Etiketten ausschneiden, Tüten stempeln (Mir fällt auf, das hat schon lange keiner mehr gemacht 🙂 ) oder dafür zu sorgen das ich was Esse oder mir ungefragt ein Eis im Laden vorbei bringt. Für Auf- und Abbauhilfe beim Markt, für das Leihen eines großen Autos, um zum Markt zu kommen, als wir noch mit einem zwanzig Jahre alten Corsa unterwegs waren. All diese kleinen und großen Dienste, sind essenziell.

Und ein weiterer wichtiger Punkt, neben der aktiven Hilfe, ist das Verständnis.Dafür, dass man als Selbstständige wenig Zeit hat. Dafür, dass man sich auch mal im Laden austauschen muss und mich dort besuchen „muss“, weil ich sonst erst in drei Monaten kann. Dafür das die Terminfindung mit mir meist sehr kompliziert ist. Dafür, dass ich auch mal was vergesse. Dafür, dass ich abends fast nie Zeit habe, wegen der Nähkurse. Dafür das ich bei Treffen immer mal wieder aufs Handy schauen muss, vor allem wenn die Treffen während der Öffnungszeiten stattfinden.Ich habe in all den Jahren kein einziges Mal einen Vorwurf von mir nahstehenden Menschen gehört. Und darüber bin ich sehr, sehr dankbar.

4.Umsatz macht man mit Fremden. Und ganz engen Menschen.

Als mein Entschluss mich selbstständig zu machen feststand und ich es, wenn ich gefragt wurde, Freunden, Bekannten und der Familie erzählte bekam ich, nach der generellen Skepsis (siehe Punkt 1) dann fast jedes Mal Sätze wie diesen zu hören „Das ist ja toll, ich werde sicher eine gute Kundin.“

Da mein Bekanntenkreis recht groß ist und ich ein gutgläubiger Mensch, dachte ich auch einfach wenn Menschen sowas sagen, wird was dran sein und sie werden zumindest mal vorbei schauen was es bei mir so gibt. Doch weit gefehlt. Der größte Teil von den Menschen, die solche Dinge sagten oder sogar immer wieder sagten, hat mein Geschäft nie, ein Mal zur Eröffnung oder mal nach fünf Jahren von innen gesehen.

Ich kann sogar sagen, dass desto mehr in Aussicht gestellt wurde, dass man sich das unbedingt ansehen möchte, desto weniger kamen die Leute dann auch.

Mit der Zeit und immer mehr Gesprächen, kam die Erkenntnis, dass Menschen, die sich wirklich interessieren, einfach kommen. Und nichts sagen. Und die, die sehr viel reden, man könnte fast sagen versprechen, nicht kommen werden.Das ist nicht schlimm. Ich habe es nur anders erwartet. Ich dachte, wenn von all den vielen Menschen, die ich kenne, nur ein Teil mal kommt und ab und zu was findet, hat man schon mal eine kleine Basis. Doch der Teil, der kam, war sehr gering.

Und so muss einem Gründer einfach bewusst sein, dass man sehr oft wirklich von Null anfängt. Egal wie viele Menschen du kennst, es heißt nicht, dass auch nur 5% davon mal bei dir etwas kauft, eine Leistung bucht oder deinen Service nutzt.Konzentriere dich von Anfang an auf die Kunden, die so den Weg zu Dir finden und die du bisher nicht kennst. Und lerne sie kennen.

Das lohnt sich. Denn so konnte ich nicht nur wunderbare Stammkunden kennenlernen, sondern auch einige sehr, sehr enge Freundschaften schließen.

5.Plötzlich ist man Chefin.

Ich habe immer gehofft, mir mal Mitarbeiterinnen leisten zu können, aber dachte immer, dies passiert dann in sehr weiter Ferne.

Und schneller als ich mich versah, war es plötzlich nötig, dass ich Unterstützung brauchte. Und schon mit der ersten Aushilfe wurde klar, was das bedeutet. Das eigene Arbeiten ändert sich radikal und man hat von einem auf den anderen Tag noch mehr Verantwortung. Denn, und das weiß ich von mir selbst aus früheren Zeiten am besten, auch wenn jemand „nur“ als Aushilfe arbeitet, ist sie trotzdem auf dieses Geld angewiesen und braucht eine gewisse Planungssicherheit.

Mein Anspruch ist es, dass meine Mitarbeiterinnen gerne zu mir arbeiten kommen. Wissen, auf was sie sich verlassen können und was sie erwartet. Und dass jeder sich weiterentwickeln kann und Ideen einbringen kann. Ich möchte sie fördern und fordern, ohne zu überfordern und leite gerne nach der Idee, dass jeder möglichst das macht, was er gerne tut. Das geht leider nicht immer, aber sehr oft. Ich versuche für jede immer Aufgaben zu finden, die ihren Talenten, Vorlieben und möglichen Arbeitsmöglichkeiten entsprechen. Und dabei soll sich möglichst niemand langweilen, sondern immer wieder auch neuen Herausforderungen gegenüberstehen.

Als ich dann wenig später plötzlich drei Aushilfen gleichzeitig hatte, wurde es für mich erstmal richtig stressig. Denn dafür zu sorgen, dass jede genug, aber nicht zu viel Arbeit hat und für fünf Näher/innen zuzuschneiden (mich und zu der Zeit den Praktikanten eingeschlossen) ist eine sehr große Aufgabe. Wer ist wie schnell, wer kann was besser als der andere, wer kommt wie oft, wer hat das schon genäht, wer muss es erst noch lernen, wer hat Probleme mit einem bestimmten Stoff… all das muss man sich merken und berücksichtigen, neben der eigentlichen Arbeit, so wahnsinnig viel jeden Tag zu schneiden.

Dazu kommt natürlich die finanzielle Verantwortung. Es ist selbstverständlich, dass jeder sein Geld pünktlich und zuverlässig bekommt. Doch auch dafür hat man dann noch mehr zu sorgen. Nicht nur für all die Nebenkosten, Fixkosten und eigene Kosten, man ist auch für einen anderen Menschen verantwortlich, bzw. sogar für mehrere. Egal was war, jeder hat immer pünktlich sein Geld bekommen. Ich bin immer die erste, die bei allem zurücksteckt, wenn es mal knapp wird und es sollte nicht der Rede wert sein, ich weiß aber, dass dies in vielen Betrieben nicht so gehandhabt wird.

Wie bei vielem in der Selbstständigkeit kam diese Situation sehr schnell und ungeplant und man muss dann selbst erstmal lernen, all seine Aufgaben zu koordinieren, abzugeben und allem und allen gerecht zu werden. Mit etwas Geduld wird aber auch das was und man kriegt ein gut gelingendes, aber sehr anstrengendes System rein.

Die Zahl meiner Mitarbeiterinnen ist leicht schwankend, denn immer, wenn sich jemand entscheidet etwas anderes machen zu wollen oder in Babypause geht, ist es sehr schwer, jemand geeigneten, neuen zu finden. Derzeit sind wir eine freie Mitarbeiterin, zwei Aushilfen, meine Mutter, eine Jahrespraktikantin und ich und es klappt alles sehr gut und ich hoffe dieser Stand wird nun auch sehr lange erhalten.

6.Man arbeitet immer – das Märchen mit dem „selbst einteilen“ gibt es (in meinem Fall) nicht

Sehr oft hört man, einer der großen Vorteile der Selbstständigkeit wäre die Tatsache, dass man sich selbst einteilen kann, wann man arbeitet. Ich habe für mich sehr schnell erkannt, dass dies ein Märchen ist. Vermutlich von nichtselbstständigen erzählt. In meinem speziellen Fall ist man schonmal an Ladenöffnungszeiten gebunden. Diese müssen dem hessischen Ladenöffnungsgesetz entsprechen und passend zum eigenen Verhalten und dem der Kunden sein. Und wenn an der Tür steht, es sollte auf sein, habe ich, wenn keine Katastrophe passiert, auch auf. Das heißt dieses Konstrukt ist schonmal ziemlich unflexibel. Dann bieten wir in unserem Fall ja noch Nähkurse an, die in der Regel schon sehr frühzeitig gebucht werden. Egal ob dir an dem Tag schlecht ist, heiß, müde, traurig, was auch immer – wenn Selina nicht den Kurs übernehmen kann, muss man trotzdem arbeiten. Denn der Kursplan ist so straff, dass ein Verlegen fast nie möglich ist und außerdem freuen die Teilnehmerinnen sich seit Wochen auf ihren Kurs. Also darf man sich seine Laune und Befindlichkeiten nicht anmerken lassen und arbeitet trotzdem.

Genauso ist es, wenn man krank ist. Man steht in der Regel trotzdem im Laden. Denn abgesehen davon, dass man sich an seine Öffnungszeiten halten muss, muss man fast immer auch noch irgendetwas wichtiges erledigen. Und da bringt es nichts, daheim zu bleiben, denn genau dieses eine fertig zu machende Teil wird trotzdem an dem Tag vom Kunden erwartet oder es steht etwas anderes an, für dass man selbst vor Ort sein muss. Und selten wird man so krank, dass es sich planen lässt und so kurzfristig kann dann doch auch oft kein anderes Teammitlgied einspringen. Ich höre dann oft den Tipp „Mach doch einfach zu“, dies sagen aber nur Leute, die nicht wissen, was außer der körperlichen Anwesenheit im Alltag von einem im Laden noch so gefordert wird. Es geht in der Regel schlicht und ergreifend nicht.

Was in meinen Augen aber noch viel mehr ins Gewicht fällt ist die Tatsache, dass du im Kopf immer, wirklich immer, arbeitest. Man hat den ganzen Tag Ideen, Verbesserungen, zerbricht sich den Kopf über Kundenwünsche, Erwartungen, Lieferungen, neue Kollektionen, Rechnungen, kleinere Dinge die zu tun sind und man vergessen hat, große Dinge bei denen man Panik bekommt, ob man sie fertig bekommt, Termine, Social Media, Nähkurstermine, Schnitte für den Nähkurs, Schnittideen für den Laden, Bestellungen und so banales wie ist genug Wasser und Klopapier da, wurde das Licht ausgemacht, ist die Spülmaschine ausgeräumt worden und, und, und.

Der Kopf arbeitet ununterbrochen, sowohl tags als auch nachts.Man denkt sich das vorher, es ist (bei mir) aber noch viel intensiver als ich es selbst erwartet hätte.

7.Man darf sich aussuchen, mit wem man arbeitet

In meinen Augen einer DER großen Vorteile der Selbstständigkeit. Nicht von Anfang an. Aber man kommt zu dem Punkt. Und diesen Punkt mache ich mir immer wieder bewusst, wenn ich mich mal Frage, wozu ich das alles mache. Und freue mich dann sehr über dieses Privileg.

Ich darf entscheiden, mit wem ich arbeite. Wie meine Kolleginnen drauf sind, welche Einstellung sie zum Leben und zur Arbeit haben, ob ich mich mit ihnen unterhalten kann und ob ich sie mag. Ich konnte mir nicht von Anfang an Mitarbeiter leisten und dachte auch nie so sehr über diesen Punkt nach. Aber der große Vorteil eines kleinen Teams, dass man auch noch selbst zusammenstellen kann, ist, dass man zu einem gewissen Punkt entscheiden kann, wer in dieses kleine familiäre Team passt und wer nicht. Und, dass man sich so ein Umfeld aus Menschen bauen kann, die ähnlich denken und arbeiten, aber auch über ähnliches lachen oder ähnliche Gedanken teilen.

Am Anfang habe ich sehr nach den Qualifikationen meiner Mitarbeiter geschaut und dachte, es muss ja nicht jeder mein Freund werden. Ich bin es angegangen wie in einer großen Firma. Ich dachte, verschiedene Charaktere ergänzen sich gut und es ist gut, wenn verschiedene Temperamente und Charaktere vertreten sind, da sich dies dann ausgleicht und man so professionell zusammenarbeiten kann.

Es hat nicht so lange gedauert, dann habe ich mein Denken fast komplett geändert. Für eine große Firma mag dies stimmen. Für meine klitzekleine Firma nicht.

Denn in einem so kleinen Team, in dem jeder für die Zeit, in der er da ist, recht viel Verantwortung übernimmt, ist es wichtig, dass die Menschen ähnlich denken, handeln und fühlen.

Denn jeder meiner Mitarbeiter verkauft, wenn er da ist, mit jedem Kleidungsstück auch ein klitzekleines Stück von mir. Von meiner Idee dahinter, von meiner Leidenschaft für das Konzept und meinen generellen Überzeugungen. Das kann man nur, wenn man selbst auch vom Konzept, von der Idee dahinter und all den Überzeugungen selbst überzeugt ist.

Wenn man gerne im Anziehend arbeitet und der Typ Mensch ist, der sich gerne selbst einbringt und das Anziehend mit neuen Ideen nach vorne bringen will.

Es ist mir natürlich immer noch sehr wichtig, dass man sehr gut, genau und trotzdem schnell nähen kann und am Besten in einem Beruf der Textilbranche ausgebildet ist. Oder generell sehr kreativ ist und dafür brennt, kreativ zu sein. Die Qualifikation ist immer noch einer der entscheidenden Punkte für eine Zusammenarbeit.

Aber genauso wichtig ist mir mittlerweile, ob diese Person in unser Team passt. Daher stelle ich mir dann immer eine ganz einfache Frage, könnte ich oder ein anderes Teammitglied sich mit dieser Person abends auf 1-5 Wein treffen und hätten wir uns was zu erzählen oder herrscht unangenehme stille? Wenn ich zu dem Entschluss komme, dass man was zu reden hätte und sich generell sympathisch finden würde und auch die Nähfähigkeiten stimmen, entscheide ich mich für ja.

Leider hat man meist, wenn wir eine Stelle ausschreiben, nur recht wenig geeignete Bewerbungen und ich werde dann jedes Mal nervös, weil in der Zwischenzeit einfach noch mehr Arbeit an mir hängen bleibt.

Aber eigentlich weiß ich, dass sich dann, irgendwann, immer eine gute Lösung findet. Man muss manchmal nur darauf warten. Und ich weiß mittlerweile auch, dass es allen Beteiligten mehr hilft zu warten, als es mit jemandem zu versuchen, auf den die Weinfrage nicht zutrifft. Das kostet nur Zeit und Nerven für alle und bringt keinen weiter.

So sind wir zu einem kleinen, feinen Team geworden, in dem jeder den anderen schätzt, wenn es nötig ist unterstützt und (so hoffe ich) alle gerne zur Arbeit kommen.

 

Selbstverständlich ist dies nur ein kleiner Auszug der Dinge, die ich im Alltag herausgefunden habe. Da wir aber in diesem Jahr unser siebenjähriges Jubiläum gefeiert haben, wollte ich auch sieben Punkte anführen. Ich könnte die Liste noch sehr lange weiterführen, werde dies aber dann erst zu einem späteren Zeitpunkt mal ergänzen.

Als Fazit kann ich sagen, dass ich den Weg immer wieder gehen würde und finde, dass es sich trotz aller Anstrengungen, Probleme und Ungewissheiten lohnt.

Und für mich der einzig richtige Weg war.

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